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Pfarre Allerheiligen bei Wildon

 

Klein, aber fein

Die Pfarre Allerheiligen ist im Bezirk Leibnitz heute die kleinste Pfarre, die noch von einem eigenen Pfarrer betreut wird.
Im Lauf der Jahrhunderte musste sie oft um ihre Eigenständigkeit und Existenz fürchten. Heutzutage ist es der Priestermangel, der ihre Selbständigkeit bedroht.

Wie in vielen Fällen ist auch die Pfarrkirche Allerheiligen aus einer seit längerem bestehenden Messkapelle hervorgegangen, die zu einer Pfarrkirche ausgebaut wurde.
Seit 1218 urkundlich erwähnt, existierte hier eine kleine, ca. sechs mal neun  Meter große romanische Kapelle, die dem Heiligen Rupert von Salzburg  geweiht war, als ältester Baukern der heutigen Kirche.
1448 wurde die Kirche im gotischen Stil mit Apsis und Turm ausgebaut und dem besonderen himmlischen Schutz aller Heiligen anvertraut.

Damals hatte ein Ritter Markwart von Herbersdorf diese Fromme Stiftung gemacht und Liegenschaften zur Erhaltung der Bausubstanz und Zelebration von Gottesdiensten überschrieben.




Taufstein seit 1466

Schon 1147 gab es einen urkundlich erwähnten Heinrich von Herbersdorf.
Der Ort, für den die Kirche 1448 vergrößert wurde, hieß von nun an Allerheiligen bei Herbersdorf. Der Name Allerheiligen „bei Wildon“ kam erst in der Neuzeit auf, vielleicht um die nächstgelegene Bahnstation zu nennen. Allerdings waren die Ritter von Herbersdorf und die Herren von Wildon in uralter Allianz verbunden.
Mit dem Entschluss der Herbersdorfer, ihre Grabstätte in der Schlosskapelle, die dem heiligen Matthäus geweiht war, nicht zu erweitern, sondern in der neuen Allerheiligenkirche zu errichten, wurde der erste Schritt zur Errichtung der Pfarre gemacht. Durch die Einweihung des schönen Taufsteins mit der verzierten gotischen Inschrift „1466“ wurde die „Pfarre“ errichtet, denn Taufstein und Begräbnisstätten waren damals die wesentlichen Kennzeichen einer Pfarrkirche.



Ritter kniet vor seinem König

Es dauerte ca. 100 Jahre bis die Pfarre in erste Existenzschwierigkeiten kam. Schuld daran waren die politischen Gegensätze, die im lutherischen Protestantismus einen ideologischen Hintergrund suchten.  Der oppositionelle Landadel wurde geschlossen protestantisch. Auch in den Städten wuchs die politische Opposition. In Graz, das im 16. Jahrhundert noch eine kleine Stadt mit ca. 12.000 Einwohnern war, gab es nur mehr 200 katholische Familien.
Die Herbersdorfer waren betont protestantisch und hatten in ihrem Nebenbesitz Schloss Kalsdorf bei Ilz einen besonders lange gegen die sogenannte „Restauration“ verteidigten evangelischen Stützpunkt in ihrer Schloßkirche.
Auch in der Kirche Allerheiligens hat sich ein Denkmal des Protestantismus als Gegensatz zum Allerheiligenbild erhalten.
Beim Umbau 1720 wurde das Herbersdorfer Gruftrelief im rechten hinteren Teil der Kirche eingemauert. Es zeigt den Ritter Franz von Herbersdorf, umgeben von seinen zwei verstorbenen Frauen und einer großen Schar von Kindern. Er verabscheute den Heiligenkult und kniete als Ritter nur vor dem Bild des gekreuzigten Erlösers.



Schloss Herbersdorff

Bischof Martin Brenner, der um 1600 ein strenger Visitator war, konnte dieses große und schwere künstlerische Relief nicht einfach verschwinden lassen, aber er veranlasste, dass alle Monogramme und sonstigen Stifterhinweise der protestantischen Herbersdorfer aus der Kirche entfernt wurden.
Die Herbersdorfer haben sich trotzdem als Stifter der Kirche von Herbersdorf verewigt, indem sie in der Kirche von St. Georgen eine einzigartige diesbezügliche Stiftungsurkunde mit Angabe des fortbestehenden Stiftungskapitals in Stein meißeln und einmauern ließen.

Sie wollten offenbar nicht, dass Allerheiligen einer Nachbarpfarre für immer und ewig einverleibt werde. Die neue pfarrliche Selbständigkeit Allerheiligens haben die Herbersdorfer aber nicht mehr erlebt. Sie starben in der männlichen Linie während des dreißigjährigen Krieges (1620-1648) aus. Ihr Schloss wurde von den Jesuiten billig ersteigert, die es aber umfangreich erweiterten und zu einem Exerzitien- und Urlaubshaus für die Grazer Universitätsprofessoren ausbauten.

So war Allerheiligen lange Zeit keine Pfarre mehr, der schöne Taufstein wurde tief in der Kirchenwand eingemauert, aber die Kapläne von St. Georgen mussten nur pro Forma in Allerheiligen ca. alle drei Wochen und zu heiligen Zeiten tätig werden. Die Jesuitenpatres haben in Allerheiligen eine Art freiwilliger Ersatzseelsorge geleistet.

Nicht nur das. Als eine für das Bauwerk Kirche zuständige Schlossherrschaft haben sie im Jahr 1720 die Kirche großmächtig im barocken Stil umgebaut und mit dem Altarbild aus der Künstlerwerkstatt Johann Cyriak Hackhofers (Stift Vorau) geschmückt. (Das Bild zeigt im Vordergrund den Ordensstifter Ignaz von Loyola)




J.C. Hackhofer - Bild

Durch zahlreiche politische Interventionen mächtiger katholischer Herrscher wurde der fortschrittliche Jesuitenorden, der zum Beispiel im „Heiligen Experiment“ gegen die Sklaverei kämpfte und immer einflussreicher geworden war,  vom römischen Papst Klemens XIV. im Jahr 1773 weltweit (mit Ausnahme Preußens und Russlands) aufgehoben.
Die nächste bedrohliche pfarrliche Krise für Allerheiligen war gegeben, denn das Schlosskloster Allerheiligen wurde enteignet und dem sogenannten staatlichen Religionsfonds einverleibt. Allerheiligen stand - nur spärlich versorgt - ohne Seelsorger (und Lehrer) da und der Weg zur nächsten betreuten Kirche war weit.
Nach 14 Jahren ergab sich eine Patentlösung durch die staatliche Errichtung der soganannten Josefinischen Pfarren. Aus den durch Klosterenteignungen übervollen Religionsfonds wurden in der Steiermark mindestens 50 neue meist kleinere Pfarren errichtet. Auch die Pfarre Allerheiligen erlebte 1787 eine Wiederauferstehung, indem man so Arbeitsplätze für die Angehörigen der aufgelassenen Klöster schuf.
Der erste Seelsorger, Josef Prunaderer, stammte aus dem aufgelassenen Kloster Stainz, der zweite, Franz Basulko, war ein arbeitsloser Jesuit. 1892 unter Bischof Zwerger wurden die 50 Quasipfarren zu richtigen Pfarren erhoben.
In Allerheiligen blieb allerdings der schöne Taufstein aus alten Pfarr-Zeiten vergessen und verschollen bis er 1997 entdeckt, befreit, restauriert und im gotischen Teil der Kirche wieder aufgestellt wurde.
Die stolzen Josefinischen Pfarrer konnten von 1892 an, wenn es der jeweilige landwirtschaftliche Pfründenbesitz hergab, auch einen Kaplan aufnehmen.
In Allerheiligen gab es eine andere Lösung.
Ab 1838, nach dem Tod des Tiroler Freiheitskämpfers Baron Martin R. Teimers, kaufte eine gewisse Familie Tschagger aus Südtirol das Schloss Herbersdorf und hatte noch genug Geldmittel, um für Priesterpensionisten in Allerheiligen die Existenz zu sichern.
Die pensionsreifen Nutznießer dieser Stiftung lebten bis nach dem 2. Weltkrieg im sogannten Missarhaus, das heute der Pfarrhof ist.
Sie halfen seelsorglich im Beichtstuhl aus und zelebrierten in der Pfarrkirche zusätzliche Heilige Messen.




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