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Predigt von Weihbischof Dr. Franz Lackner
zum Ökumenischen Schöpfungsgottesdienst
am 6. Oktober 2007
Salvatorkirche Graz

Liebe Brüder und Schwestern!

Gerne möchte ich meinen Gedanken eine einprägsame Erfahrung aus meiner Kindheit voranstellen: Ich stamme aus kleinbäuerlichen Verhältnissen. Die Welt der Bauern war damals sehr religiös geprägt. Unter den verschiedenen Feiern ist mir neben Weihnachten das Erntedankfest tief in Erinnerung. Es war das Fest der Dankbarkeit. Etwas ernten zu können war in jenen Zeiten noch keine Selbstverständlichkeit. Die Ernte musste zuallererst reifen und dann den Sommer mit seinen zuweilen sehr heftigen Gewittern überstehen. Besonders gefürchtet waren Blitz und Hagel. War dann endlich die Zeit der Ernte gekommen, fühlten wir uns eingetaucht in eine Atmosphäre der Dankbarkeit. Allerorts konnte man mit Früchten des Feldes voll beladene Wagen heimkehren sehen, der unsrige - ich glaube es war der einzige - wurde noch von Kühen gezogen.

Nun ist es nicht die Idylle, die meine Erinnerung so sehr bewegt, sondern eine uns damals ganz in Anspruch nehmende Einsicht. Es war für uns Kinder gänzlich klar, dass die schönsten und größten Früchte in die Kirche zum Erntedankfest gebracht werden müssen. Sie gehören, so spürten wir unbewusst, Gott. Erst sehr viel später habe ich den tiefen Sinn, der in diesem religiösen Brauchtum liegt, verstehen gelernt. Es war die Zeit, als ich mich im Rahmen meines Philosophiestudiums mit den so genannten Gottesbeweisen auseinander setzen musste. Das sind großartige, sehr subtile und nicht immer leicht nachvollziehbare Gedankengebäude, denen aber eine einfache Erfahrung zugrunde liegt, die besagt: das Schönste, das Äußerste, kurzum das Letzte, sind Bereiche, die in Gott hineinreichen. Sie gehören Gott. Die Erfahrung des Letzten kann leider auch sehr dramatisch sein und die Form äußerster Not annehmen. Wir erinnern uns an die fürchterliche Naturgewalt des Tsunami, der über 100 000te Menschen wie eine Todeswelle hinweggebraust ist. Viele haben schlichtweg alles verloren. Sie konnten angesichts der Not nur noch sagen: „Jetzt habe ich nichts mehr, ich kann mich nur mehr Gott anvertrauen!“ Für Außenstehende ist diese Rede nicht leicht nachvollziehbar. Wie kann man angesichts solcher Not noch von Gott reden? Betroffene durften so reden, sie machten die Erfahrung des „Nur mehr Gott!“ Das Äußerste gehört Gott! Das darf aber nicht zum Entschuldigungsgrund werden, um billigen Trost zu spenden. Menschen in äußerster Not wenden sich fast unwillkürlich an Gott. Die Heilige Schrift bezeugt, dass Gott immer auf der Seite der Schwachen, Gepeinigten und auf der Seite derer, die in Not gefallen sind, steht. Der eigentliche Ort der Erfahrung des Letzten, das Gott gehört, ist - wie eingangs schon angedeutet - jener des Schönen und Guten. Das war auch die Erkenntnis von Dostojewsky, die ihn sagen lässt: „Durch das Schöne wird Gott die Welt erlösen.“

Wir haben als Lesung aus dem Evangelium nach Lukas vom Feigenbaum, der keine Frucht bringt, gehört. Ich sehe den Feigenbaum als Bild für die ganze Schöpfung. Die Schöpfung ist eine Gabe, die auf einen Geber zurückweist, auf einen göttlichen Ursprung. Diese Gabe ist nicht Endprodukt, sondern darauf angelegt, selbst Geber zu werden; mit den Worten des Evangeliums: Früchte zu bringen. Das ist eine Aufgabe. Die Schöpfung kann aber auch schuldig werden, indem sie keine Früchte zeitigt. Die Natur ist eine Gabe Gottes, und sie soll allen, die in ihr leben, Nahrung und Schutz bieten. Der Mensch hat eine Sonderstellung. Er ist nicht - wie von vielen häufig fälschlich behauptet - die Krone der Schöpfung, diese ist der eingeborene Gott-Mensch Jesus Christus. Durch ihn wurde alles, was ist, geschaffen und erlöst. Aber der Mensch allein kann in der Natur die Handschrift Gottes lesen. Darum ist dem Menschen auch in besonderer Weise die Sorge um die Natur aufgetragen. Es ist daher überaus verwerflich, wenn die Natur gerade durch den Menschen zu leiden hat, indem sie ausgebeutet wird und zur bloßen Produktionsstätte verkommt. Christen haben hier ihre mahnende Stimme zu erheben. Unsere Aufgabe ist es - so verstehe ich das Evangelium des heutigen Tages - alles zu tun, damit der Feigenbaum zu rechten Zeit Frucht bringt. Uns Gläubigen aber ist darüber hinaus noch eine besondere Aufgabe anvertraut, die der Feigenbaum nicht von sich aus zu geben vermag: das Lob Gottes. Diese letzte und schönste Frucht der Schöpfung kann nur die betende und Gott dankende Gemeinde vollbringen, wie das einst der Arme und Kleine von Assisi in seinem Sonnengesang getan hat. Er schließt sein Loblied an Gott, nachdem er ihn gepriesen hat durch Bruder Sonne, Schwester Mond, durch Bruder Wind und Schwester Wasser, durch Bruder Feuer und Mutter Erde, mit den Worten: „Lobet und preiset meinen Herrn und erweiset ihm Dank und dient ihm mit großer Demut.“ Amen.


 
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