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Wachen wir auf: Wann bringen wir uns um ?
Ich habe diesen Titel immer wieder gelesen - mit innerer Abwehr – wer wählt solche Worte zur Einleitung eines gesellschaftspolitischen Dialogs ? - ich fühle mich bedroht und wie an eine Wand gedrängt – ohne Flucht- und Umkehrmöglichkeit – ist es wirklich not-wendig oder besser not-wendend - diese Sätze einer Tagung voran zu stellen ?
Und dann: Der Pflegenotstand wird zur Zeitbombe !
Notstand - für wen ? Für die Pflegenden ? Für die zu Pflegenden ? Für die Gesellschaft oder die Politisch Verantwortlichen ?
Wer steigert diese Vor-Ängste, diese Bedrohung, die überall und jederzeit präsent ist und uns den Atem nimmt und uns vielleicht deshalb nicht handeln lässt ?
Wachen wir auf – an wen ist dieser Appell gerichtet?
Und wann bringen wir uns um ? Wer fragt das ? Wer schätzt das richtig ein ?
Sind wir wirklich schon an diesem Punkt ohne Umkehrmöglichkeit angekommen ? Ist nicht soviel in diesen letzten 20 Jahren geschehen, neue Berufe, neue Ausbildungen, neue Sichtweisen, neues Verständnis für Alt und Behindert, viele Hilfsquellen, Spenden, Pflegegeld, Bürgerhilfen und Initiativen ?
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Ist das alles zuwenig oder sind es vielleicht nicht nur die finanziellen Notstände , die uns so denken lassen ?
Und dann eben die Grundfrage : was ist der alte, kranke, behinderte Mensch und der Mensch an sich wert ? Sollte der Ausdruck Pflegenotstand vielleicht durch den Ausdruck Wertenotstand ersetzt oder erweitert werden ?
„Du bist wichtig, weil du du bist und du bist bis zum letzten Augenblick deines Lebens wichtig wir werden alles tun, um dir zu helfen nicht nur in Frieden zu sterben sondern bis zu letzt zu leben“
Dies ist die Grundhaltung der Hospizbewegung, denn wir wissen, wenn keine Wertschätzung gegeben wird, geht auch die eigene Wertschätzung verloren ! Wenn der Selbstwert verloren gegangen ist, geht auch der Lebenssinn verloren, es kommt die Frage nach dem Sinn des Leidens, nach dem Sinn der Beschwerlichkeit im Alter, die Frage nach der Last, die wir für andere sind und die Frage nach den Möglichkeiten und den Unmöglichkeiten der Entlastung!
Ist dies vielleicht sogar der größere Anteil, der zu der Frage in unserem Titel führen könnte ? Diese Ängste vor Schmerzen Diese Ängste vor Einsamkeit Diese Ängste vor dem Ausgeliefert sein – ausgeliefert einem System, einem Menschen, einer geistigen oder sozialpolitischen Einstellung ? Einem System der Ressourcenknappheit Einem System der Auslese Einem System der subjektiven Wertigkeiten und einem System der Willkür einem System der finanziellen Einschränkungen 2
Dazu noch
Diese Ängste vor Verlust der Selbstbestimmung Diese Ängste vor der sinnlosen Verlängerung des Sterbeleidens Aber auch diese Ängste vor der ungewollten Verkürzung unseres Lebens !
Jetzt auch diese neuen Ängste, in den Verzicht auf Leben hineingedrängt zu werden, diesen assistierten Freitod, den ich in diesem Zusammenhang wieder lieber Selbstmord nennen möchte , der schon in manchen Ländern auch für noch nicht sterbende, alte Menschen angeboten wird ! Unheilbar kranke und pflegebedürftige Menschen, alte Menschen, Menschen, die kein „selbstbestimmtes“ Leben mehr leben können, kein „selbstbestimmtes“ Sterben haben und auch Menschen, die in unseren Augen ein Leben führen, das wir fast nicht mehr Leben nennen – wie Menschen im Wachkoma, Menschen mit schwersten Behinderungen - haben das gleiche Recht auf Achtung und Schutz ihres Lebens wie gesunde und junge Menschen.
Die Würde nämlich kommt dem Menschen zu, weil er Mensch ist, und nicht erst auf Grund bestimmter Fähigkeiten, Leistungen oder Zustände, nicht erst auf Grund von gesellschaftlicher Stellung , finanziellem Reichtum, von Jugend und Schönheit, und auch nicht auf Grund von Bewusstheit oder besonderer Intelligenz. Würde kommt jedem menschlichen Leben zugleich mit seinem Dasein zu – ob ungeboren oder im hohen Alter – und ihr entsprechend ist alles menschliche Leben zu behandeln ! Was sich auch in unserer Sprache, unserer Wortwahl ausdrücken sollte !
Darauf gründet sich die Haltung der Hospizbewegung !
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Du bist wert, du hast Wert, weil du du bist und du hast bis zu deinem Lebensende diesen deinen Wert wir werden alles tun, um dir zuhelfen nicht nur in Frieden zu sterben sondern bis zuletzt in diesem deinem Wert zu leben
Die Ehrenamtlichen Hospizbegleiter versuchen, durch Respekt, Achtung und Achtsamkeit, durch ihr bewusstes Dasein und mit liebevoller Zuwendung für diese alten, kranken oder sterbenden Menschen diesem Wert gerecht zu werden.
Cicely Saunders und die Ehrenamtlichen in der Hospizbewegung sind längst aufgewacht Die Hospizbewegung ist auf dem Weg, die ursprünglich auf Schwerstkranke und Sterbende ausgerichtete Begleitung auszudehnen auf Lebensbegleitung in der letzten Lebensphase - wann immer diese letzte Lebensphase beginnt und wie lange sie auch immer dauert
Ich möchte wiederholen – die Hospizbewegung – aber auch viele andere in der Pflege Tätigen - sind längst aufgewacht – sie sehen unerträgliches Leid, Not und Elend – um diese einfachen, aber aussagekräftigen Worte zu gebrauchen –
sie sehen also unerträgliches Leid, Not und Elend – und sie lassen sich dadurch und durch die angstmachenden Warnungen in den Medien und durch den Titel dieses gesellschaftspolitischen Dialogs nicht den Atem nehmen-
sie versuchen mit allen ihren Mitteln – und solche Mittel gibt es noch mehr - dieses Leid, diese Not und dieses Elend zu lindern –
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Aber die, die diese Vorraussetzungen für Veränderungen in den Bedingungen für mehr oder weniger Not, Elend und Leid mitbestimmen, müssten sich das nicht nur verbal oder in allgemeinen statistischen Zahlen vor Augen halten, sondern in den Einzelheiten des praktischen Pflegealltags !
Damit die, die dieses Leid, diese Not und dieses Elend ertragen müssen, immer wieder Zuwendung, Wertschätzung und Linderung erfahren können Und nicht einstimmen müssen in den zweiten Teil unseres Titels Wann bringen wir uns um !
Gesellschaftspolitischer Dialog 2006
Katholische Aktion Steiermark
Wachen wir auf: Wann bringen wir uns um ?
Der Pflegenotstand wird zur Zeitbombe, das Sozialsystem erreicht die Grenzen der Belastbarkeit. Was droht uns ohne Gegenmaßnahmen ? Die Entsorgung der Kranken und Alten ?
Samstag, den 2. Dezember 2006
Schloss Seggau
Dr.Trautgundis Kaiba
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